30.08.2003 Außenansicht Was wir von Tieren lernen können Von Jeremy Rifkin Führende Naturwissenschaftler reden derzeit gerne über Durchbrüche in der Biotechnologie, Nanotechnologie, Computertechnik oder über eher esoterische Fragen wie das Alter unseres Universums. In Laboren rund um die Welt spielt sich unterdessen eine leisere Entwicklung ab, die unser Weltbild dafür umso nachhaltiger beeinflussen könnte. Verblüffend ist, dass diese Forschungen von McDonalds, BurgerKing und anderen Fast-Food-Ketten finanziert werden. Unter dem Druck von Tierschützern übernehmen diese Sponsoren die Kosten für die Erforschung emotionaler, mentaler und verhaltensbedingter Zustände unserer Mitgeschöpfe. Die Ergebnisse dieser Studien verunsichern. Anscheinend sind viele dieser Mitgeschöpfe uns ähnlicher als wir je gedacht haben. Sie fühlen Schmerz und Leid, kennen Stress, empfinden Zuneigung, freudige Erregung und sogar Liebe. Aus Studien an der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana über das Sozialverhalten von Schweinen geht hervor, dass diese Tiere hungrig nach Zuneigung sind und zu Depressionen neigen, wenn man sie isoliert oder daran hindert, miteinander zu spielen. Der Mangel an geistigen und körperlichen Stimuli kann ihrer Gesundheit schaden und führt zu einer erhöhten Zahl unterschiedlicher Krankheiten. Die Europäische Union beherzigte diese Studien, verbot von 2012 an die Haltung von Schweinen in Einzelbuchten und verordnete stattdessen Ställe mit Freiluft-Auslauf für die Tiere. Die Schweine-Studie kratzt nur an der Oberfläche dessen, was vor sich geht auf diesem explosionsartig anwachsenden neuen Forschungsfeld, das sich den emotionalen und kognitiven Fähigkeiten von Tieren widmet. Forscher staunten jüngst nicht schlecht über einen Bericht in der Fachzeitschrift Science, der von den schöpferischen Fähigkeiten Neukaledonischer Krähen handelt. Bei kontrollierten Versuchen an der Oxford University bekamen zwei dieser Vögel, Betty und Abel genannt, die Wahl zwischen zwei Werkzeugen, einem geraden und einem gekrümmten Drahtstück, um ein Stück Fleisch aus einer Tube zu angeln. Beide Krähen wählten den gekrümmten Draht. Dann stahl Abel Betty überraschend den Haken. Unbeeindruckt nahm Betty den übrig gebliebenen geraden Draht, presste ihn mit ihrem Schnabel in eine Ritze und bog ihn zu einem Haken, mit dem sie das Futter aus der Tube holte. Zehn Wiederholungen des Versuchs bewiesen die Findigkeit der Krähe bei der Herstellung von Werkzeug. Dann ist da Alex, der afrikanische Graupapagei, der Aufgaben bewältigt, die zuvor als die alleinige Domäne des Menschen galten: Alex kann über vierzig verschiedene Gegenstände und sieben Farben identifizieren, und er kann Gegenstände einander sowie bestimmten Kategorien zuordnen. Nicht minder beeindruckend ist Koko, ein 270 Pfund schweres Gorilla-Weibchen, das über tausend Zeichen einer Zeichensprache behielt, die man ihr beibrachte, und mehrere tausend englische Worte versteht. Bei IQ-Tests für Menschen erreicht Koko einen Quotienten von 70 bis 95. Damit wird sie als langsame Lernerin, aber nicht als zurückgeblieben eingestuft. Von Philosophen und Tierverhaltensforschern war lange das Argument zu hören, Tiere seien nicht fähig zur Selbstwahrnehmung, weil ihnen der Sinn für Individualität abgehe. Stimmt nicht, erklären neuere Studien. Am Washington National Zoo erforschen Orang-Utans, denen man Spiegel gegeben hat, Teile ihres Körpers, die sie sonst nicht sehen können, und beweisen damit einen Sinn für ihr Selbst. Ein Orang-Utan im Atlanta-Zoo benutzte den Spiegel sogar dazu, seine Zähne zu pflegen und seine Sonnenbrille zurechtzurücken. Als ultimatives Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und anderen Geschöpfen galt Wissenschaftlern lange das Betrauern von Toten. Tiere, so dachte man, seien nicht in der Lage, sich eine Vorstellung von ihrem eigenen Tod zu machen. Doch das ist nicht sicher. Auch Tiere können, wie es scheint, Kummer empfinden. Elefanten stehen oft tagelang stumm neben ihren toten Artgenossen und berühren gelegentlich deren Körper mit ihrem Rüssel. Wir wissen auch, dass praktisch alle Tiere spielen, besonders, solange sie jung sind. Wer schon einmal jungen Hunden, Katzen oder Bären bei ihrem Herumtollen zugesehen hat, kommt nicht umhin zu bemerken, wie ähnlich sie dabei unseren eigenen spielenden Kindern sind. Jüngste Studien über die Chemie im Gehirn von Ratten zeigen, dass bei deren Spiel in großer Menge Dopamine (Neurotransmitter, die man beim Menschen mit Vergnügen und freudiger Erregung assoziiert) ausgeschüttet werden. Noch vor kurzem verkündeten Wissenschaftler, die meisten Geschöpfe verhielten sich rein instinktiv, und was uns als erlerntes Verhalten erscheint, sei genetisch bedingt. Wir wissen aber heute, dass Gänse ihren Jungen die Flugroute beibringen. Tatsächlich wird den Jungen weit häufiger Wissen von ihren Eltern vermittelt als bisher angenommen, und die meisten Tiere lassen sich auf allerlei Arten von Lernerfahrungen durch fortlaufende Versuche sowie auf Problemlösungen mittels Versuch-und-Irrtum ein. Was hat das nun für die Art zu bedeuten, wie wir unsere Mitgeschöpfe behandeln? Was ist mit den Tausenden Tieren, die jährlich für sie schmerzhafte Laborversuche erleiden müssen? Oder mit den Millionen Nutztieren, die oft unter unsäglichen Bedingungen groß gezogen werden und zum Schlachten für den menschlichen Verzehr bestimmt sind? Sind Fußfallen zu verbieten und ist der Handel mit Pelzmänteln zu verurteilen? Was ist mit dem Töten von Tieren als Sport? Man denke nur an Fuchsjagden in England, Stierkämpfe in Spanien und Hahnenkämpfe in Mexiko. Und wie steht es mit unserer Unterhaltung? Dürfen wilde Löwen in Zoos gesperrt und Elefanten zu Zirkusauftritten abgerichtet werden? Solche Fragen werden bereits vor Gericht und in Parlamenten rund um die Welt gestellt. Inzwischen haben Harvard und 25 andere juristische Fakultäten allein in den USA Vorlesungen über Tierrechte eingeführt, und Gerichte müssen über eine wachsende Zahl von Fällen entscheiden, in denen es um die Rechte von Tieren geht. In Deutschland wurden als erstem Land der Welt Tierrechte in die Verfassung aufgenommen. Die Menschheitsgeschichte macht vor allem eines deutlich: Was den Menschen auf seiner Reise durch die Zeit zunehmend zum Menschen gemacht hat, ist seine Entwicklung zum empathischen Wesen. Am Anfang galt die Empathie nur den Blutsverwandten und dem eigenen Stamm. Mit der Zeit erstreckte sie sich auch auf Menschen mit ähnlichen Werten – Menschen, mit denen man die Religion, die Nationalität oder die Ideologie teilte. Im 19. Jahrhundert wurden die ersten Tierschutzvereine gegründet. Nun eröffnen die derzeitigen Studien über Emotionen, Erkenntnisfähigkeit und Verhalten der Tiere eine weitere Phase in der Geschichte der Menschheit. Sie erlauben uns, unser Mitgefühl erneut zu erweitern und zu vertiefen, um diesmal auch die Gemeinschaft der Geschöpfe mit einzuschließen, die an unserer Seite leben. Jeremy Rifkin ist Zukunftsforscher, Autor und Präsident der Foundation on Economic Trends in Washington. Übersetzung von Eva C. Koppold Foto: dpa/SZ